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Der finnische Tonttu – Heinzelmännchen und Wichtel, Teil 1

In Finnland haben Heinzelmännchen und Wichtel, also Tontut, schon eine sehr lange Geschichte. Früher waren sie ein Teil des Alltags und sie galten als Hüter des Hauses. Aus diesem Grund ähnelt auch das Wort Tonttu dem Wort Tontti sehr, was auf finnisch Grundstück bedeutet.

Es heißt, dass die finnischen Heinzelmännchen kleine Männer und Frauen mit grauer Kleidung und roter Mütze waren. Man hat sie sehr selten zu sehen bekommen, da sie in der Nacht arbeiteten. Es war aber ein großes Glück, einen Tonttu im Haushalt zu haben. Hatte ein Tonttu sich in einem Haus niedergelassen, war es seine Aufgabe, sich um den Haushalt zu kümmern und dazu beizutragen, ein Haus zu einem Zuhause zu machen; zu einem Platz für die Menschen (und Hauswichtel), an dem sie sich wohlfühlen und eigene Geschichten und Bräuche entwickeln konnten. So wussten die Menschen zum Beispiel, dass der Tonttu sich um die wichtigen Sachen kümmerte, wenn sie ihr Haus mal verlassen mussten.

Kleine Wichtel passen auf die verschiedenen Häuser auf. Jeder hat seine eigene Aufgabe.

Der Tonttu hat dem Haus gedient, war aber kein Diener. Wurde das Heinzelmännchen beleidigt oder fühlte es sich nicht wertgeschätzt, ist es gegangen und hat aus Rache oft manches zerstört. Darum war es auch wichtig, dem Tonttu immer am selben Ort gutes Essen bereitzustellen und die Restwärme in der Sauna stand dem Tonttu zu. Kindern wurde erzählt, dass sie nicht allzu laut sein durften, denn der Lärm verärgere den Hauswichtel.

Für die Heinzelmännchen im Haus war es wichtig, ein Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur aufrechtzuerhalten, in dem Umwelt, Tiere, Menschen und natürlich auch magische Wesen mit Respekt und Würde behandelt wurden. Wer diese Werte nicht beachtete, hatte mit Pech zu rechnen, denn dann war das Heinzelmännchen unglücklich.

Ein herbstlicher Anblick in Finnland.

Um einen Tonttu anzulocken, musste ein sehr besonderes Ritual durchgeführt werden. Wer eines der fleißigen Heinzelmännchen in seinem Haus haben wollte, musste sich in der Osternacht ein Kumt einer Stute um den eigenen Hals legen und neun Mal um die Kirche gehen. Wenn der Tonttu dann zu dem Menschen kam, musste man seinen Wunsch äußern z.B. nach Reichtum oder guter Ernte. Diesen Wunsch hat der Tonttu dann erfüllt.

Es gibt auch eine Redewendung auf Finnisch: „Tonttu sillä on, Tonttu kantaa“, was sinngemäß so viel heißt wie „Wer Wohlstand hat, hat einen Tonttu im Haus“, weil der finnische Tonttu Reichtum ins Haus brachte.

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Quellen:

Eero Ojanen, Sirkku Linnea, Suomalaiset Taruolennot, Minerva

Kristfrid Ganander, Mythologia Fennica, Recallmed

Uno Harva, Suomalainen muinaisusko, SKS

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Neue Einblicke in die finnische Mythologie – Teil 3

Finnland Natur See

Im dritten Teil der Serie steigen wir in die heidnischen Gebräuche der Finnen ein, die den Alltag stark beeinflussten.

Die Feenwelt (Henkimaailma)

Vor Jahrhunderten glaubten die Menschen, dass parallel zu unserer Welt eine Feenwelt existierte. Diese war wie ein Spiegelbild unserer Welt. Es hieß, der Boden dieser Welt sei unsere Erdoberfläche, nur stehe man dort (von uns aus betrachtet) mit dem Kopf nach unten.

Die Decke des Waldes (Metsänpeitto)

Nach dem damaligen Volksglauben war es möglich in die Feenwelt zu gelangen. Wer die richtigen Tricks allerdings nicht kannte, blieb dort für immer verschollen. Umso problematischer war es, wenn wichtige Nutztiere, wie Kühe in der Natur verschwanden, denn es war ja möglich, dass sie in die gespiegelte Feenwelt unter unseren Füßen gelangt waren, also unter die Decke des Waldes. In diesem Fall reichte es nicht, nach den Kühen zu rufen – in der anderen Welt konnten sie es ja nicht hören – sondern gefunden werden musste eine Eröffnung in die Feenwelt. Ausreichend war zum Beispiel ein hohler Baumstamm oder ein Erdloch, der mit dem Boden und so mit der Feenwelt verbunden war. Durch diesen Baumstamm rief man nach dem Tier und mit etwas Glück folgte es den Rufen und fand seinen Weg wieder zurück nach Hause.

Finnischer Blog Kalevala Spirit
Kühe auf dem Weg nach Hause.

Verirrte Personen

Weil die Feenwelt unsere Welt spiegelte, war es nur sinnvoll, dass auch die Kleidung dort verkehrt herum getragen werden musste. Wer sich im Wald verlaufen hatte und die eigentlich vertraute Gegend nicht mehr erkannte, war wömöglich in die umgekehrte Welt der Feen und Elfen gelangt. Um wieder den richtigen Pfad in die Menschenwelt zu finden, mussten die Socken oder Schuhe an den Füßen getauscht oder die Jacke falsch herum getragen werden. Auch die Sucher mussten sich entsprechend anziehen, denn sonst war ihnen der Blick in die Parallelwelt verwehrt. Es hieß sogar, dass die Sucher – sollten sie ihre Kleidung nicht verkehrt herum anziehen – die gesuchte Person nur als einen Stein oder Baum würden wahrnehmen können.

Reflexionen im Wasser

Wer schon einmal einen Sonnenuntergang an einem windstillen Abend am See genossen hat, konnte auf dem Wasser sicher die Reflexionen unserer Welt – das Ufer, die Bäume und Tiere – in goldener Farbe sehen. Mit etwas Phantasie schaut es fast so aus, als sei unter der Wasseroberfläche eine andere Welt. Früher glaubte man, dass in diesem magischen Moment, an bestimmten Seen, die Grenze zwischen den zwei Welten verwischte und man direkt in die Feenwelt schauen konnte, bis die goldenen Sonnenstrahlen hinter dem Horizont verschwanden.

Kalevala Spirit Volklore Blog
Glatt wie ein Spiegel muss die Seeoberfläche sein, damit man in die mysteriöse Welt schauen kann.

Erst in den 50er/60er Jahren verschwand der weitverbreitete und ernsthafte Volksglaube an das Metsänpeitto. Hierfür waren vermutlich die gesellschaftliche Modernisierung und die schnelle flächenmäßige Eingrenzung der Wälder wegen Bauarbeiten ursächlich. Jahrhunderte lang galten Wälder als Tapios Reich, doch schließlich war auch der Wald nicht mehr die Grenze der Zivilisation.

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Quellen:

Uno Harva, Suomalaisten muinaisusko, SKS

Marko Leppänen, Metsänpeitossa – siis missä?, Esoteerinen maantiede ja periferiaterapia

Tomi Letonsaari, Metsänhaltijat Itäsuomalaisessa kansanuskossa. Pro gradu -tutkielma